28. Stummfilmfestival Pordenone, Oktober 2009English


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Das 28. Stummfilmfestival in Pordenone findet vom 3.-10. Oktober 2009 in Pordenone statt.

Weblinks zum Festival 2009

Berichte zum Festival

Zeitungsartikel:

Giornate del cinema muto 2009

Tag 1 (Samstag, 3. Oktober 2009)

Programm:

GCM 2009

Dieses Jahr bin ich schon vor Festivalbeginn angereist und hatte die Möglichkeit in aller Ruhe zu frühstücken und dann gemütlich zur Registrierung zu laufen. Wie jeden Samstag hat es einen Wochenmarkt, denn ich auf dem Weg zum Festivalbüro in aller Ruhe anschauen konnte. In den Vorjahren blieb dazu keine Zeit, weil es ja auch Filme zum anschauen gab.

Das Festivalbüro liegt dieses Jahr im Convento di San Francesco, dort wo die letzten Jahre die FilmFair stattfand. Die FilmFair fällt diese Jahr wegen wirtschaftlicher Probleme aus. Die Registrierung ging wie jedes Mal ohne Probleme vor sich, nach Zahlung der Registrierungsgebühr bekommt man sein Willkommenspaket mit Festivalprogramm und 200-seitigem Programmheft, danach dann noch die Karten für die Eröffnungsveranstaltung besorgen.

Sowohl das Programm (pdf, 1.2MB und als Webseite) als auch das Programmheft (pdf, 3MB) stehen auch im Internet bereit.

Nachmittagsprogramm

GCM 2009

Um 14:30 geht es mit dem ersten Film los (La Nuit du 11 Septembre). Naja, eine nicht so berauschende moralisierende Geschichte über einen zum Verbrechen getriebenen Offizier. Jahre später holt ihn aber sein Verbrechen wieder ein. Einen Extra-Lacher bekam die auf einer Insel in Lebensgefahr schwebende (bereits erwachsene) Tochter des Offiziers, als sie ber das ca. 20 cm tiefe Wasser gerettet wurde, das sie alleine nicht überwinden konnte - sie wäre ja nass geworden. (Programmheft, Seite 71)

Um 16:00 folgt mit "The Four Just Men" ein Film der mir besser gefiel, was natürlich auch daran liegt, das er im Gegensatz zum vorherigen Film vollständig war. Vier "Gerechte" fordern einen Industriellen auf für seine Arbeiter bessere Arbeitsbedingungen einzuführen, ansonsten würden sie ihn ermorden. Im weiteren versucht die Polizei die Tat zu verhindern und die Gerechten zu fassen. Insgesamt eine runde Geschichte, schön begleitet von Donald Sosin. (Programmheft, Seite 163).

GCM 2009

Eröffnung/''The Merry Widow''

GCM 2009

Wie beim Festival üblich begrüßte der Festivalleiter David Robinson die Anwesenden mit seinem "Welcome Home" und stellte danach fest, das es dieses Jahr mal wieder das beste bisherige Programm gibt, mit den besten Musikern. Danach begrüßte er die Festivalgäste. Zu Jean Darling meinte er nur sie sei ja eigentlich kein Gast, sondern fester Bestandteil des Festivals (Am Dienstag gibt es eine eigene Veranstaltung "An Audience with Jean Darling"). Außerdem wurde Maud Lindner, die Tochter von Max Lindner willkommen geheißen.

Nach Begrüßungsreden von dem Vertreter der Regin Friaul/Julisch-Venetien und von Pordenone stellte David Robinson abschließend Leatrice Gilbert Fountain, Tochter von John Gilbert (Star im folgenden Film Merry Widow) und und Leatrice Joy (Star in The Ten Commandments, am Montag vorgeführt). Leatrice Gilbert Fountain sprach dann einige einführende Worte und freute sich, das so viele Menschen das Werk ihres Vaters bewunderten.

Der Film "Merry Widow" handelt in einem fiktiven osteuropäischen (?) Königreich , dessen Thronerbe ziemlich arrogant daherkommt, während der in der Thronreihenfolge zweite ein sympathisch und leichtlebiger Bonvivant ist. Beide verlieben sich in eine Tänzerin, am Ende heiratet aber sie aus Vernunftsgründen keiner der beiden, stattdessen heiratet sie den reichsten Mann des Reiches. Dieser stirbt dann rechtzeitig in der Hochzeitsnacht und als reiche Erbin ist sie auch standesgemäß für eine Hochzeit mit einem Prinzen - aber sie will nicht wegen des Geldes sondern als Persönlichkeit geehelicht werden. Wie zu erwarten gibt es ein Happy End mit Ehe und Thron für den sympathischen Prinzen.

GCM 2009

Der Film wird begleitet vom Orchestra Mitteleuropa unter der Leitung von Maud Nelissen. Es ist immer wieder beeindruckend was eine Live-Orchestermusik aus einem Film machen kann. Streckenweise wurden Originalpassagen aus Lehàrs Werk verwendet. Insgesamt schön begleitet, aber leider gab es auch stumme Passagen, bei denen ich mir doch etwas Übergangsmusik wünschte. Einen dramaturgischen Effekt konnte ich in den Musikpausen jedenfalls nicht erkennen. Später hörte ich es munkeln, das der Film zu langsam abgespielt wurde, ob es aber deshalb die Pausen gab blieb unklar.

Nach dem "Opening Event" gibt es noch eine französische Komödie, begleitet von dem Pianisten GabrielThibaudeau. Ein Lebemann wird gegen seinen Willen in eine Ehe gezwungen und fühlt sich dort gefesselt. Während einer Flucht begeht ein Freund von ihm Selbstmord und die Leiche wird als seine identifiziert. Er nutzt die Gelegenheit bei seiner eigenen Beerdigung dabei zu sein und muss feststellen, das seine Ehefrau die einzige ist, die ihn vermisst. Am Ende erkennt er was er an seiner Frau hat - Happy End. Ein Film deren Message heute überholt wirkt - aber musikalisch schön begleitet.

Tag 2 (Sonntag, 4. Oktober 2009)

Vormittag

Am Sonntag habe ich erst mal ausgeschlafen und habe die ersten Filmreihe ausfallen lassen. Weiter ging es für mich mit einem netten Achtminüter über einen Pfadfinder, der sich als cleverer Banditenfänger erweist. Danach folgte eine Folge eines Fu-Manchu-Krimis. Viele der Kniffe aus späteren Reihen finden sich schon dort (Stühle, die sich als Fallen erweisen, Falltüren, Geheimtüren,…).

Danach folgt mit “Der Hund von Baskerville” schließlich ein etwas längerer Sherlock-Holmes Film. Das ganze begleitet von John Sweeney am Klavier.

Collegium: Repatriation

GCM 2009

Unter dem Thema "Film Repatriation" wird ein Kooperationsprojekt der NPFP, australischer und US-amerikanischer Filmarchive vorgestellt.

Australien besitzt Filmkopien amerikanischer Filme, für deren Erhalt keine Finanzmittel vorliegen, da sie aus australischer Sicht nicht so wichtig sind. Aus amerikanischer Sicht können aber filmhistorisch bedeutsame Werke enthalten sein. Die NPFP vermittelte hier und stellte Finanzmittel bereit um die Filme für die Zukunft zu sichern.

In einer Vorbereitungsphase stellte das australische Archiv eine Übersicht über die Filme, die US-Archive identifizierten dann für sie wichtige Filme. Die Filme wurden nach Amsterdam zu Haghefilm gebracht und dort restauriert, kopiert und digitalisiert. Die Nitratoriginal gingen wieder zurück nach Australien, die im Restaurierungsprozess entstandenen Negative und Filmabzüge wurden auf Archive in den USA und in Australien gebracht. Das ganze wurde als win-win-win-Situation beschrieben. Australien behält seine Original, hat sie aber erst mal wieder in einem gesicherten Zustand. Zusätzlich gibt es Abzüge die vorgeführt werden können. Die US-Archive bekommen neue Negative und ebenfalls Filmkopien.

Das Ganze wurde als ein neues Verfahren vorgestellt, bisher war eine Zurückführung in des Originalland meist ein Verlagern der Originale, bei denen das "schenkende" Archiv meist eine Filmkopie der Restaurierung erhielt. Aber das Original war weg. Von dem hier vorgestellten Konzept der Kooperation erwarten sich die Archive Positives für den Erhalt der Filme, da ein Archiv seine Originale behalten kann, auch wenn es von einem anderen Archiv restauriert wird. Insgesamt wurde festgestellt, das sich die Archive nur kooperativ zeigen müssen, dann ist eine zufriedenstellende Zusammerarbeit gut möglich. Leider gibt es aber viele Beispiele, bei denen Archive Filme lieber versteckt halten bis sie unrettbar verloren sind, statt Kooperationen zu suchen.

Viele der Probleme liegen in verschiedenen Auffassungen zur Aufgabe nationaler Filmarchive vergraben. Sollen sie nationale Filme, bzw. Filme mit nationaler Beteiligung aufbewahren und sichern (eigene Filmschatz) oder soll archiviert werden, was im Lande verfügbar ist und damit sichern, was der zeitgenössischen Bevölkerung bekannt war, also auch ausländische Produktionen. Ein Randproblem zeigt sich auch bei internationalen Co-Produktionen. Niemand fühlte sich zuständig diese Filme zu sichern, dafür sollen die anderen beteiligten Nationen ihre Archive zur Verfügung stellen.

Die neue Art der Kooperation soll diese Problematik entschärfen, da kein Archiv befürchten muss seine Schätze zu verlieren. Es wurde der Vergleich gemacht mit dem Fund eines Leonardo da Vinci-Gemäldes. Niemand würde da Bild nach Italien geben, da es dort gemalt wurde. Aber bei Filmen war es bisher üblich die Filme wegzugeben und nur eine Kopie zurück zu erhalten.

Sechs der in diesem Projekt restaurierten Filme sind im Internet verfügbar, bei zweien ist die rechtliche Situation nicht ganz geklärt. Mehr über die Filme und das Projekt kann man bei http://www.filmpreservation.org/projects/filmconnection.html nachlesen.

Links:

Nachmittag

Am Nachmittag folgt “La vie merveilleuse de Bernadette”, eine religiöser Film über die heilige Bernadette und ein Mädchen, das in Lourdes wundersam geheilt wird. Der Film ist etwa so furchtbar wie die beschreibung erahnen lässt, nur das schöne Klavierspiel von Gabriel Thibaudeau macht die Vorstellung erträglich.

Nachmittag II

Am späten Nachmittag gibt es dann wieder wie letztes Jahr eine Vorführung mit musikalischer Begleitung durch zwei Klassen einer Musikschule aus der Gegend. Entsprechend war das Kino auch mit eher Festivaluntypischem Publikum gefüllt - Eltern und Geschwister der Musikanten sind anwesend und das Kinderlachen wird die Stimmung doch etwas auflockern.

Gezeigt werden zwei Comedys mit Charlie Chaplin und Buster Keaton. Das ganze startet mit dem Chaplin-Film 'A night in the show'. Die Begleitmusik wiederholt häufig identische Motive und ich habe nicht den Eindruck das es wirklich auf den Film abgestimmt ist.

Der anschließende Keaton-Film (The Playhouse) gefiel mir schon besser. Buster Keaton geht ins Theater zu Keaton-Vorstellung. Keaton spielt jede Rolle, jeder Zuschauer ist Buster Keaton, von jung bis alt, ob Frau oder Mann. Ganz nett, als ein Zuschauer (Keaton) das Programm liest und in der Besetzung immer Buster Keaton vorkommt. Die Musik erschien mir abgestimmter und mir fielen keine sich wiederholenden Themen unangenehm auf.

Abend

In der Abendvorstellung wird 'The Eagle' gezeigt. Kurz zusammengefasst: Zorro in Rußland. Ein russischer Offizier weigert sich der Geliebte der Zarin zu werden und flieht in seine alte Heimat in der seine Familie inzwischen ihren Besitz durch Betrug verloren hat. Der Held will Rache nehmen und tritt als Zorro-maskierter Rächer auf. Wie zu erwarten verliebt er sich natürlich in die hübsche Tochter

Das ganze auf 160 Minuten gezogen und mit einem Soundtrack von Carl Davis. Und prompt gab es zweimal Probleme mit der Technik und es gab Tonausfälle. An sich ein ganz netter Film und eine tolle Vertonung, aber mir wäre es simples Klavier lieber gewesen als die Musik aus der Konserve. Gegen ein Live-Orchester hätte ich natürlich auch nichts gehabt ;)

Nach 'The Eagle' gab es dann noch was fürs Herz. 'Daddy' ist ein herzzerreißender Film mit Jackie Coogan, der einen Jungen spielt, dessen Mutter verstarb und deren Großeltern von ihrer Farm auf eine Armenhof vertrieben wurden. Um Geld zu verdienen geht der kleine Junge in die Stadt, trifft dort einen alten Violinlehrer der ihn aufnimmt. Wie es der Zufall will, war es der ehemalige Lehrer von dem Vaters des Jungen. Und der weltbekannte Vater kommt gerade zufällig in die Stadt...

Eine Schmonzette, wunderbar begleitet von Phil Carli am Klavier und Günter Buchwald an der Violine - schnüff.

Mir schmerzt danach erst mal der Rücken und ich gebe auf, den letzten Film an diesem Abend lasse ich ausfallen.

Tag 3 (Montag, 5. Oktober 2009)

Der Montag begann für mich mit dem Film 'Grazielle' (Programmheft, Seite 114f). Schöne Musik, aber eine ausgesprochen kitschige Liebesgeschichte. Das Ende ist dann aber doch etwas überraschend. Der Liebhaber reist zu seiner todkranken Mutter und erhält dann dort einen Brief seiner Geliebten, das sie schwer erkrankt sei und binnen drei Tagen sterben würde. Aber ansonsten eine vorhersehbare Geschichte.

Danach ging ich zu einer Veranstaltung auf die ich mich schon freute: Die Masterclass. Zwei Pianisten werden von den erfahrenen Stummfilmmusikern des Festivals in die höheren Weihen der Stummfilmbegleitung eingeweiht. Die diesjährigen Aspiranten sind Miye Yanashita (Japan) und Cyrus Gabriysch (Großbritanien).

Masterclass

GCM 2009

Die erste Masterclass durfte Günther Buchwald halten. Nach einer kurzen Einführung ging es mit einer kleinen Bewegungsübung los. Günther Buchwald spielte ein Stück, die zwei Aspiranten sollten sich in dem Tempo der Musik im Raum bewegen. Danach wurde es gedreht, Günther Buchwald lief im Raum und die Musiker sollten die Musik dazu machen. Danach gab es Filmbeispiele mit verschiedenen Kombinationen der Begleitung (die Musiker alleine, zwei Pianisten, einer am Klavier, Günther Buchwald dazu auf der Violine…). Insgesamt eine nette Stunde, aber man merkte, das die Aspiranten sich noch nicht ganz wohl fühlen und sich erst in die Atmosphäre einleben müssen. Aber es sieht vielversprechend für die weiteren Termine aus.

Collegium

Danach kam dann ein leider etwas enttäuschendes Collegium unter dem Titel 'From Grain to Pixel'. Schon beim Lesen des Programmheftes war mir klar, das ich zu diesem zweiten Collegium gehen werde.

Giovanni Fossati hielt einen Vortrag mit einer PowerPoint-Präsentation. Leider widersprach diese Variante dem Ziel des Collegiums - einem Gespräch bzw. einer offenen Diskussion. Es entwickelte sich auch keine Diskussion. Das Sie am Ende des Vortrages dann noch Folien über das niederländische Filmmuseum, das dortige Programm und ein Entwurf eines Neubaus mag zwar interessant sein, aber an dieser Stelle leider nicht passend. Nach dem Ende des Vortrages wurde dann die Zeit etwas überzogen und es entwickelte sich über die Nachfragen noch eine kleine Diskussion. Es wurde noch etwas auf die Gefahren der digitalen Restaurierung eingegangen. Als Beispiel wurde eine Szene gezeigt, bei der die automatische digitale Staubentfernung ('dust removal') einen schnell über den Schirm laufenden Hund teilweise entfernte. Aber letzen Endes kam häufig das gleiche Zitat wie schon in ihrem Vortrag: 'Da könnte man lange drüber reden, aber in meinem Buch habe ich da viel drüber geschrieben.

Am Nachmittag gibt es dann wieder Stummfilme in der Diven-Reihe, diesmal sind Asta Nielsen Filme dabei. Neben zwei Kurzfilmen wird 'Die Geliebte Roswolskys' gezeigt. Den darauf folgenden Sherlock Holmes lasse ich aus, im Abendprogramm sollte das Sitzfleisch erholt sein.

Carmen

Im Abendprogramm begleitet Touve Ratovondrahety in über 160 Minuten den Film Carmen (Frankreich 1926, Jacques Feyder). Letzes Jahr war Touve Ratovondrahety einer der zwei Masterclass-Schülern und er überzeugte mich damals nicht, er war mir damals zu laut. Das er in die Tasten hauen kann beweis er auch zu Carmen wieder und er hatte auch genügend Anlass im Film dazu. Aber er spielte in ruhigen Phasen auch ruhiger - er kann also wenn er will (oder er hat dazugelernt). Schöner Film, im gesamten auch gute Musik, aber über 2 1/2 Stunden Film sind zuviel.

Adults Only

Im Spätprogramm gab es Filme der Jugoslovenska Kinotek die als Adults Only angekündigt waren. David Robinson wies vor den Filmen auch noch mit deutlichen Worten darauf hin, das nur erotisches Material kommen würde, und das weder der sich davon evtl. abgestoßen füllen würde jetzt doch bitte den Raum verlassen sollte. Währen der Bedenkzeit spielten dann Donald Sosin und Günter Buchwald schon mal etwas frivolere Musik bevor es dann los ging. Sagen wir es mal so: Es war eindeutig pornografisches Material, die Bildqualität mäßig, der Saal amüsiert und die Musik stilvoll und passend.

Tag 4 (Dienstag, 6. Oktober 2009)

GCM 2009

Der Dienstag hatte für mich eine etwas unglückliche Verteilung der Veranstaltungen mit einigen Überschneidungen an Terminen die mich interessiert hätten. Ich habe mich mit Bedauern dazu entschlossen die Masterclass und das 'Treffen mit Jean Darling' (An Audience with Jean Darling) ausfallen zu lassen.

Japan und eine versunkene Welt

Gestartet ist der Tag für mich mit einem kurzen japanischen Film Kurotegumi Sukeroku - ein kurzer 16-Minüter über einen Samurai der sich gegen eine Ronin-Bande stellt.

Danach begleitet Phil Carli den österreichischen Film Eine versunkene Welt (1922, Alexander Korda). Der Film beginnt nach einem bekannten Schema. Erbprinz verliebt sich in Tänzerin, die Eltern verbieten eine Hochzeit und schicken den Sohn als Kapitän zur Marine. In der Zwischenzeit wird der Tänzerin das Leben schwer gemacht. Sie flieht zu ihrem Geliebten, der aus Trotz einen Skandal provoziert und die Tänzerin heiratet. Dann macht er aus seiner Privatjacht ein Frachtschiff und erklärt der Besatzung das er als Gleicher unter Gleichen alle am Gewinn beteiligt. In der Folge gibt es einige Probleme, da die Besatzung ihren eigenen Willen entwickelt, der Prinz aber eigentlich immer noch gerne bestimmen möchte was geschieht, sich aber immer dem Willen der Besatzung beugt (wobei mir zumindest unklar ist, was der Wille der Besatzung ist, eigentlich kommen immer drei der Besatzung und behaupten sie würden die Besatzung vertreten). Neben dieser politischen Komponente ist die Tänzerin über ihr Leben als Doch-Nicht-Prinzessin-Gewordene enttäuscht. Insgesamt eine Geschichte mit einigen Schwächen.

Nach der versunkenen Welt kommen dann noch zwei knapp 3/4-stündigen Filme mit Pola Negri und Francesca Bertini. (Wenn das Herz in Hass erglüht begleitet von John Sweeney/Amore senza Stima begleitet von Antonio Coppola). Bei mir hinterließen beide Filme ganz im Gegensatz zum folgenden Film keinen bleibenden Eindruck.

Die Kleine vom Varieté

Parallel zur Audience with Jean Darling begleitete Stephen Horne den deutschen Film (1926). Die Tägliche Rundschau schrieb 1926 zu dem Film: “Messer blitzen, Revolver krachen, es regnet Küsse und hagelt Ohrfeigen.” Und sie hatten recht, Ossi Oswalda wirbelt im Film und es entwickelt sich eine amüsante Geschichte rund um die Partnerwahl und Verwandte die sich gerne bei der Wahl einmischen.

Sherlock

Nach der Komödie gab es in der Sherlock-Holmes Reihe noch zwei Filme, begleitet von Philip Carli. Der Film 'The Sign of four' (GB, 1923) beeindruckte vor allem durch eine wilde Verfolgungsjagt über und unter den Brücken von London.

Dom na trubnoi

Am frühen Abend gab es dann zumindest für mich den Abschlussfilm: Dom na trubnoi (The House on Trubnaya Square, UdSSR 1928). Eine schöne Komödie über eine junge Frau, die vom Land in die Stadt geht und als Haushaltshilfe ausgenutzt wird. Aber sie hat Glück, sie wird Mitglied in der Gewerkschaft und bekommt ihre Rechte erklärt. Gefallen hat mir die Darstellerin der Frau (Vera Maretskaia) die wunderbar eine ländliche Einfalt darstellt ohne lächerlich zu wirken. Musikalisch begleitete Günter Buchwald den Film.

Tag 5 (Mittwoch, 7. Oktober 2009)

William Voss, der Millionendieb

Der Mittwoch beginnt wieder mit einigen Filmen in der Sherlock-Reihe. Es startet mit einem süßen Hundedetektiv der die Unholde verfolgt und am Ende stellt. Nett die Verfolgungsszene in der der Hund einen Täter verfolgt und jedesmal wenn der Mann sich umdreht der Hund unauffällig an der Ecke wartet oder sich hinter einem Hydranten versteckt um nicht entdeckt zu werden. Und ganz clever: Um ins Haus der Bösewichte zu kommen legt man sich auf die Straße und spielt den abgefahrenen Hund. Die Frau des Unholds hat natürlich sofort Mitleid und nimmt den Hund in die Wohnung.

Nach einem kurzen Fu-Manchu Film beginnt dann der Hauptfilm: William Voss, der Millionenndieb. Kurz die Geschichte: Ein Reicher Mann schenkt sein Eigentum einer Wohltätigen Stiftung unter der Voraussetzung, das er bis zu seinem Tode eine jährliche Leibrente bekommt. Aber wider Erwarten stirbt er die nächsten Jahre nicht, sondern lebt weiter von seinem Leibdiener gepflegt weiter. Sherloch Holmes wird gebeten das zu untersuchen und entlarvt den Diener, der den Tod seines Herrn geheim hielt und so die Leibrente über Jahre einkassierte.

Alle Filme des Frühprogramms werden von Donald Sosin begleitet.

GCM 2009

Masterclass

Nach dem Frühprogramm gehe ich weiter und besuche eine weitere Masterclass. Phil Carli und Gabriel Thibaudeau geben diesmal Hinweise zur Stummfilmbegleitung. U.a. werden so kleine Tipps gegeen wie: Wenn jemand einen Brief schreibt und den Brief zusammenfaltet, dann stellt euch auf einen Szenenwechsel ein.

Jonathan Dennis Memorial Lecture

GCM 2009

Am Mittag gibt es dann im Rahmen der Jonathan Dennis Memorial Lecture einen Vortrag von Edith Kramer zum Thema “Film Programming: Where we’ve been and where we’re going (Argumentswith myself)”. Leider habe ich den Anfang verpasst, aber was ich mitbekam war ganz interessant. Wie stellt man ein Filmprogramm zusammen, das einerseits das Publikum interessiert, aber auch filmhistorisch interessant und - und vor allem, das dafür sorgt, das der Nachwuchs auch die Möglichkeit hat sich über die Filmhistorie zu informieren, weiterzubilden und schlussendlich auch die Fackel der Bildung weiter zu tragen.

Collegium: Farbrestaurierung

GCM 2009

Weiter ging es für mich mit einer Collegium-Sitzung bei der ich kurz vorbeischaute. Thema war die Restaurierung von Farbe im Stummfilm. Verschiedene Arten der Färbung wurden vorgestellt und verschiedene Arten die Filme mit Farbe zu restaurieren. Dazu gab es dann jeweils Beispiele mit verschiedenen Arten der Farbrestaurierung.

Daneben gab es einen Rückblick über die Geschichte der Farbrestaurierung. In der Anfangszeit wurde Farbe gar nicht archiviert, da es nicht Bestandteil der Filmproduktion war, sondern "nur eine Nachbearbeitung" am Ende der Filmherstellung. Interessant auch die Versuche Farbe zu Restaurieren, indem man versucht die alten Färbeprozesse wieder auf die neuen Filmkopien anzuwenden. Dabei wurde auch gezeigt, wie Analysen mittels einem Röntgenverfahren gemacht wurden. Ein Ergebnis war, das man bei Orangefärbungen vorsichtig sein muss. Es gab Verfahren der Blaufärbung, die langfristig durch chemische Prozesse einen Orangeton ergeben. Nachdem sie das heraus fanden, überprüften sie gezielt orangene Filme bei ??NY??, ob sie wirklich orange waren oder nicht doch blau - sie wurden allerdings nicht fündig.

The Sounds of British Silents

Am Nachmittag gab es unter dem Titel The Sounds of British Silents eine Veranstaltung, deren Ankündigung spannend klang. Mit John Sweeney am Klavier sollen verschiedene Filme gezeigt werden, bei denen die musikalische Begleitung fixiert war. Das waren zum Teil Platten oder sonstige Tonträger die den Film begleiten, teilweise aber auch Noten speziell für die Filme waren. Eigentlich erwartete ich Hinweise zu den Verfahren, aber die Filme wurden alle ohne weiteren Kommentar gezeigt. Teilweise gab es Ton aus der Konserve, teilweise Live-Klaviermusik. Bei vielen der Filmen hatte die Musik besondere Bedeutund, da Tanzszenen oder ähnliche gezeigt wurde. Bei den Filmen mit Liedtexten wurde dann auch vom Publikum mitgesungen.

Haghefilm-Party

GCM 2009

GCM 2009

Am Abend lud dann Haghefilm zu einer Party im Ridotto del Verdi (Festivalbüro) ein. Die Stummfilmcommunity traf sich dort zu kostenlosen leckerem Essen und leckeren Wein aus Friaul.

Ballett und Golem

Am Abend gab es dann wieder zwei kleine Höhepunkte. Zum einen wurden Neuentdeckungen vom Ballets Russes gezeigt. Zwei Filme von 1909 zeigten große Tänzer des russischen Balletts. Als Nicht-Ballett-Interessierten sagten mir die Namen nicht allzu viel, darunter sind Tamara Karsavina (Partnerin von Nijinsky), Alexandra Baldina, Theodore Kosloff. Dank der Recherchearbeiten von John Sweeney wurden die Filme erstmals mit der Originalmusik der Tänze gespielt. Die Tänzerin des folgenden Films von 1924 sagte mir bereits etwas: Anna Pavlova. Gezeigt wurden diverse Tänze die sie in den Fairbanks Studios während der Dreharbeiten für den 'Dieb von Bagdad' machte (sie spielt nicht im Film mit, war aber während der Dreharbeiten anwesend und die Kulissen wurden genutzt). Details zu den Ballettfilmen hat es im Programmheft, Seite 109ff.

GCM 2009

Nach den Ballettfilmen gab es dann mit Der Golem wie er in die Welt kam einen deutsche Klassiker mit einer neuen Partitur von Betty Olivero, gepielt von Cynthia Treggor, Melissa Majoni (je Violine), Lorenzo Rundo (Viola), Serena Mancuso (Violoncello) und Lee Mottram an der Klarinette. Dirigiert hat Günter Buchwald. Sagen wir es so: Die Musik war gut solange sie spielte, die Pausen zwischen drin störten und deren dramaturgischer Sinn erschloss sich mir nicht so ganz. Bei späteren Gesprächen stellte sich heraus, das ich da nicht ganz alleine war. Ansonsten muss ich gestehen: Trotz mehrfachen Sehens, mir gefällt der Film immer noch nicht. Die einzige Szene die mir gefällt ist am Filmende die Szene mit dem Golem und dem Kind.

Tag 6 (Donnerstag, 8. Oktober 2009)

http://blog.stummfilm.info/2009/10/10/donnerstag-in-pordenone-corrick-collection-masterclass-und-verschiedene-komoedien/

Kurzfilme

Mein Tag begann mit einer Wiederholung des The Corrick Collection - 1-Programmes das ich vergangenen Sonntag nicht gesehen habe. Gabriel Thibaudeau begleitete neun Filmchen in der Länge von jeweils 5-15 Minuten. Darunter waren Komödchen, Dolumentationen aus verschiedenen Ländern und Zeiten. Ein insgesamt unterhaltsames Morgenprogramm dessen langweilige Teile auch immer schnell vorbei waren. Den zweiten Teil der Corrick Collection sah ich mir dann zugunsten der Masterclass nicht an.

Masterclass

GCM 2009

GCM 2009

Die Masterclass an diesem Donnerstag war mal wieder eine sich lohnende Veranstaltung. Es wurden im Laufe der Klasse zwei Filme gezeigt (jeweils so ca. eine halbe Stunde) die abwechselnd von den zwei Masterclass-Schülern begleitet wurden. Dazu gab es dann jeweils noch kleine Gesprächsrunden zwischendrin über Filmverständnis und Tipps zum Stummfilm begleiten. Lehrer war diesmal Neil Brandt, später stieß noch von Gabriel Thibaudeau hinzu.

Es gab jede Menge Tipps und Informationsschnippsel rund um Stummfilmbegleitung, es war für die Zuschauer und für die zwei Schüler unterhaltsame zwei Stunden.